Buch: Meet Up!

Dass die Besprechung von Menschen, die im Unternehmen produktiv sein möchten, oft als der Zeitdieb schlechthin empfunden wird, ist nichts Neues und steht auf der Hitliste der Ärgernisse ganz oben. Immer wieder wird diese Erkenntnis mit der Frage verbunden, wie man Besprechungen effektiver und effizienter, kurz erfolgreicher machen kann. Martin J. Eppler und Sebastian Kernbach stellen mit ihrem Buch Meet Up! eine mögliche Lösung für dieses Problem vor: Nudging.

Falls Sie nicht auf Anhieb wissen, was ein Nudge ist, dann hilft wie immer ein Blick in die Wikipedia:

Nudge (engl. für Stups oder Schubs) ist ein Begriff der Verhaltensökonomik, der durch den Wirtschaftswissenschaftler Richard Thaler und den Rechtswissenschaftler Cass Sunstein […] geprägt wurde: Unter einem Nudge verstehen die Autoren eine Methode, das Verhalten von Menschen zu beeinflussen, ohne dabei auf Verbote und Gebote zurückgreifen oder ökonomische Anreize verändern zu müssen.

Diese „Stupser“ können laut Eppler und Kernbach auch eingesetzt werden, um Besprechungen wieder zu dem zu machen, wofür sie gedacht sind, ein probates Mittel zum

  • Informieren
  • Probleme lösen
  • Entscheidungen treffen

Vor der Maßnahme steht die Analyse. Die Autoren identifizieren 5 Phasen der Besprechung, die alle ihre spezifischen Problemstellungen haben. Sie werden mit mit vier grundlegenden Nudging-Taktiken angegangen:

  1. Fokussieren
  2. Orientieren
  3. Involvieren
  4. Verpflichten

Keine Maßnahme ohne Analyse und so können die Leserinnen und Leser anhand eines Fragebogens herausfinden, wo in der eigenen Organisation die Engpässe liegen. Auf diese Weise kann der eilige Leser über eine „Landkarte der Meeting-Nudges“ zum entsprechenden Kapitel springen.

In den einzelnen Kapiteln werden insgesamt 100 Maßnahmen („Nudges“) vorgestellt, mit denen ein Besprechungsleiter/Moderator die vier o.a. Taktiken verfolgen kann. Sie folgen den Prinzipien:

  1. Ausgangswerte setzen und/oder verändern
  2. Vorstrukturieren
  3. Feedback sichtbar machen
  4. Wahrnehmung schärfen
  5. Spaßfaktor erhöhen
  6. Fehler vorhersehen und vermeiden

In einer großen Übersicht wird dargestellt, wie die Methoden einzuordnen sind. Außerdem folgt am Ende eines jeden Kapitels eine Übersicht über die vorgestellten Nudges und die dahinter stehenden Prinzipien. Das erleichtert die Orientierung erheblich. Sollten Ihnen die vorgestellten Nudges nicht ausreichen, dann erhalten Sie mit dem Meeting-Nudge-Designer ein Werkzeug, mit dem Sie eigene „Stupser“ konzipieren können. Sie finden übrigens auch einen Canvas-Baukasten, denn kein Meeting und keine Konferenz heutzutage ohne Canvas.

Aufgelockert wird der Inhalt durch eingestreute Hintergrundinformationen, So werden bestimmte Teilnehmertypen oder die Tricks berühmter Mitmenschen vorgestellt. Genau, zum Beispiel die Pizza-Regel von Jeff Bezos.

Das Buch versteht sich als „Impulsbuch“ für Leiter, Moderatoren und Teilnehmer von Sitzungen. Das ist durchaus gelungen. Allerdings reibt sich der erfahrende Moderationsprofi ab und zu die Augen, wenn er liest, dass eine altbekannte Methode neuerdings ein „Nudge“ sein soll („Eisenhower-Nudge“). An dieser Stelle muss ich gestehen, dass ich gegen Ende des Buches dieses Wort aufgrund des inflationären Gebrauchs fast nicht mehr sehen konnte.

Für mich ist das Buch in erster Linie ein Nachschlagewerk, in dem sich interessante Methoden für die einzelnen Besprechungsphasen finden lassen. Es ist ein Buch für die Praxis. Insofern werde ich es bestimmt das eine oder andere Mal aus dem Regal holen, wenn ich einen Workshop vorbereiten muss. Sehr hilfreich finde ich es dabei, dass das Buch auch von einer entsprechenden Website ergänzt wird, wo man zusätzliche Materialien erhalten kann.

Wo Licht ist, ist allerdings auch Schatten.

Das Kapitel „Verpflichtung“ hat mir schon das eine oder andere Mal die Ärgerfalten auf die Stirn getrieben. Manche der vorgestellten Nudges sollen „subtil zu produktiveren Verhalten verführen“ und setzen dabei auf bekannte (berüchtigte?) Mechanismen der Gruppendynamik. M. E. kann von „subtil“ keine Rede mehr sein, wenn etwa beim Spotlight bestimmte „Kandidaten erwischtwerden und sogar die Zögerlichstenschauten, dass die Aufgaben erledigt werden, denn vor allen anderen dumm dazustehen, das wollte keiner„. Angemessene Führung in Zeiten des New Work sieht m. E. anders aus!

Aber wer weiß. Vielleicht bin ich aber auch nur etwas empfindlich.

 

Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag Schaeffer-Poeschel als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür.

BTW: Ich freue mich, wenn ich ab und zu ein Buch zum Rezensieren geschickt bekomme. Die Bücher, die mir gut gefallen, bespreche ich, über die anderen schweige ich mich aus. Ich habe keinen Gefallen an Verrissen, schließlich bin ich nicht Reich-Ranicki.

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