Therapie? Nichts für mich!

Immer wieder treffe ich auf Mitmenschen, die sich in seelischen Nöten befinden, professionelle Hilfe durch einen Psychotherapeuten jedoch vehement ablehnen. Ohne meinen ehemaligen BerufskollegInnen zu Nahe treten zu wollen, aber gerade unter Ingenieuren und Technikern ist diese Einstellung weit verbreitet. Ein bekannter Kalauer lautet „dem Inschenör nicht zu schwör“. Warum soll man dann also das Problem nicht alleine lösen können? Ist es die Angst vor dem Kontrollverlust, die hier zum Vorschein kommt?

Obwohl ich auch aus diesem Stall komme, habe ich die Abneigung gegen eine Psychotherapie nie verstanden. Warum soll man sich nicht von einem Profi helfen lassen? Schließlich gehe ich mit gebrochenem Arm auch zu einem Arzt und schiene ihn nicht selbst.

Eine Psychotherapie ablehnen kann man aus unterschiedlichen Gründen. Susan Kolod und Wylie Tyne führen in einem Artikel 9 Reasons Why People Resist Starting Therapy auf. Diese sind:

1. Meine Probleme sind gar nicht so schlimm

Hier verhält es sich ähnlich wie mit physischen Problemen. Wenn Sie merken, dass Sie nach drei Tagen immer noch starkes Bauchweh haben, dann gehen Sie zum Arzt um Schlimmeres zu verhindern. Oder warten Sie auf einen Blindarmdurchbruch? Genau so ist es mit der Psychotherapie. Sie sollten nicht erst damit beginnen, wenn der Schmerz unerträglich geworden ist. Die „Heilungschancen“ sind dann außerdem schlechter.

2. Ich muss meine Probleme alleine lösen

Wenn ein Problem nicht mehr trivial ist, dann gehen wir zu jemandem, „der sich damit auskennt“. Den Küche baut der Küchenspezialist ein, das Auto repariert die Werkstatt, das Fleisch kauft man beim Metzger. Nur seelische Probleme wollen wir alleine lösen, obwohl derlei Ungemach alles andere als trivial ist. Gehen Sie zur Fachfrau bzw. -Mann! Die haben das gelernt und wissen, was sie machen.

3. Eine einmal begonnene Therapie kommt nie zu einem Ende

Ein weit verbreitetes Vorurteil. Die Dauer und die Frequenz der Therapie wird zwischen dem Klienten (d. i. Patienten) und dem Therapeuten vereinbart. Hier gibt es die ganze Bandbreite von Kurzzeittherapien bis zu Therapien, die länger dauern. Nähere Informationen bekommen Sie auch bei Ihrer Krankenkasse.

4. Ich muss meine geheim(st)en Gedanken vor dem Therapeuten ausbreiten

Sie müssen gar nichts. Niemand kann Sie dazu zwingen, etwas preiszugeben, was Sie nicht möchten. Ohnehin klären Sie und die Therapeutin in einem Erstgespräch, ob die „Chemie stimmt“ und ob eine vertrauensvolle Zusammenarbeit möglich ist. Ich möchte hier die Ausdrücke „Zusammenarbeit“ und „vertrauensvoll“ betonen.

5. Ich fühle mich beurteilt

Wenn Sie sich Sorgen machen, was eine Therapeutin über Sie denkt, dann sprechen Sie dies an. Allerdings sind diese Sorgen i. d. R. unbegründet. Der Therapeut ist nicht dazu da, über Sie zu urteilen, sondern um Ihnen zu helfen. Dies geschieht Zuhören und durch Klärungshilfe.

6. Ich habe Angst, dass ich von der Therapie abhängig werde

Eine Therapie ist nicht endlos (s. Pkt. 3). Die Therapie endet dann, wenn sich eine Person sicher ist, „dass sie die Fähigkeit besitzt, mehr aktiv am emotionalen Leben teilzunehmen“ (Zitat aus dem Artikel). Außerdem bezahlt die Krankenkasse keine Endlos-Therapien. Darauf können Sie sich verlassen.

7. Wenn ich über etwas spreche, muss ich etwas ändern

Das ist gut möglich, vielleicht aber auch nicht. Letztendlich treffen Sie die Entscheidung. Weiter oben habe ich den Begriff „Klärungshilfe“ benutzt. Im Gespräch bekommen Sie die Möglichkeit, zu ihren Problemen eine Außenperspektive zu entwickeln, sie evtl. anders zu betrachten und ggf. Handlungsalternativen zu entwickeln.

8. Ich habe Angst, dass ich etwas über mich lernen könnte

Vermutlich wird sich das nicht ganz vermeiden lassen. Wenn Sie das beunruhigt, sollten Sie das der Therapeutin mitteilen. Allerdings hilft es manchmal, zu verstehen, warum etwas so ist, wie es ist.

9. Ich bin mir unsicher, heißt das, ich sollte gar nicht erst anfangen?

Es geht uns allen so. Wenn wir Neuland betreten, dann fühlen wir uns unsicher, schließlich begeben wir uns auf unbekanntes Terrain. Allerdings heißt ein altes Sprichwort „Wer nicht wagt, der nicht gewinnt“. Seien Sie ehrlich, wie oft haben Sie Neues ausprobiert und waren am Ende froh, es gewagt zu haben? Auch hier gilt: Wenn Sie dieser Gedanke umtreibt, dann machen Sie es zum Thema im Erstgespräch.

 

Es kann nie schaden, sich im Vorfeld schlau zu machen. Wie immer finden Sie allerhand Informationen im Internet. Zum Beispiel:

Warten Sie aber nicht allzu lange.
Es ist schwer, die Reste aus dem Topf zu kratzen, wenn Sie einmal angebrannt sind.

OliverKepka / Pixabay

 

2 Antworten

2 Gedanken zu „Therapie? Nichts für mich!

  1. Monika

    Da fehlen noch zwei wichtige Gründe: Du kannst es Dir nicht leisten. Und: Du bekommst einen Termin erst in einem Jahr.

    So ging es mir zumindest. 80€ pro Stunde jede Woche hatte ich nicht und Gratistherapie gab es nur in der Stadt und ich wohnte aber auf dem Land. Für Krankenkassentermine galt die o. g. Wartezeit.

    Wenn man sich dann evtl. durchgerungen hat, eine Therapie zu wählen, ein großes Hindernis.

    1. Stephan List Beitragsautor

      Oja, das kann ich mir vorstellen. Das mit den Wartezeiten ist ein Riesenproblem.
      Aber mit dem Problem wirst Du dann konfrontiert, wenn Du Dich bereits für eine Therapie entschieden hast (was die Sache nicht besser macht).
      Hier ging es um innere Widerstände, die vor der Entscheidung zu einer Therapie zu überwinden sind.

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