Der Lebenszyklus eines Hypes

Im Nachgang zu dem vorigen Artikel wurde ich gefragt, was ich unter dem Lebeszyklus eines Hypes verstehe. Vor ewig langer Zeit hatte ich in meinem ersten Blog „Interessante Zeiten“ einen Artikel dazu verfasst, den ich hier noch einmal veröffentlichen möchte
(Post vom 18. 1. 2006):

In der Maillist Grp-Facl, die der International Association of Facilitators IAF als Forum dient, findet zur Zeit eine lebhafte Diskussion ĂŒber die Zertifizierung von Facilitators statt. FĂŒr mich stellt diese Diskussion ein gewisses DĂ©jĂ -vu-Erlebnis dar.
Ich habe mich oft schon gefragt, ob Strömungen in der Beratungsszene einem gewissen Lebenszyklus folgen. Wenn ich richtig beobachte, lÀuft der Zyklus in folgenden Phasen ab:

  1. Schlaue Menschen kommen einer interessanten Sache auf die Spur, entwickeln neue Modelle oder (er)finden etwas Anderes, das auf lebhafte Neugier stĂ¶ĂŸt.
  2. Andere interessieren sich fĂŒr das Modell, gehen bei den Urhebern in die Lehre und entwickeln das Modell mehr oder weniger weiter. In den Steckbriefen steht dann meist: Ausbildung bei Richard Bandler in den USA persönlich oder so etwas Ă€hnliches.
  3. Die Eleven der GrĂŒnder grĂŒnden wiederum eigene Ausbildungsinstitute. Das Modell erfĂ€hrt eine rapide Verbreitung bis hin zum Boom.
  4. Einige Protagonisten denken darĂŒber nach, wie man die ungebremste Ausbreitung des Modells stoppen kann. Interessanterweise sind dies in den seltensten FĂ€llen die Urheber selbst, sondern vielmehr deren Epigonen. Es wird darĂŒber nachgedacht, wie eine sog. QualitĂ€tssicherung vorgenommen werden kann. Ausdruck findet dies meist in einem Curriculum mit anschließender Zertifizierung. Höhepunkt ist die GrĂŒndung eines Verbandes.
  5. Es werden klare HĂŒrden aufgestellt, wer mitmachen darf und wer nicht. Es gibt klare Richtlinien, wer drinnen ist und wer draußen. Es bildet sich eine einschlĂ€gige „Schule“ heraus, die sich klar von anderen abgrenzt. Die Spielregeln werden meist von den VerbandsgrĂŒndern aufgestellt nach der Devise: Schließlich waren wir zuerst da und haben noch bei den UrvĂ€tern gelernt. Wir sind daher berufen, die Spielregeln aufzustellen. Ob die Regelaufsteller dabei ihren eigenen Kriterien genĂŒgen, hinterfragt niemand. Allein der Gedanke daran gilt als Sakrileg.
  6. Es findet eine zunehmende Institutionalisierung statt. Es gibt offizielle Verbandskonferenzen, auf denen ĂŒber Ausbildungsrichtlinien gestritten wird, Datenbanken, in denen nur die stehen, die sich der Zertifizierungsprozedur unterzogen haben usw. usf.
  7. Die „Schule“ beschĂ€ftigt sich zunehmend mit sich selbst und schmort im eigenen Saft. Bewahrung geht vor VerĂ€nderung. Eine Weiterentwicklung findet nicht statt, die selbstgemachte Abschottung verhindert kreativen Ideenaustausch mit Menschen, die nicht der „Schule“ angehören.
  8. Die „Schule“ wird von der Außenwelt weitestgehend nicht mehr wahrgenommen und versinkt nach und nach in der Bedeutungslosigkeit.

Ich gebe zu, die Aufstellung kommt etwas grob daher und ist wissenschaftlich nicht ĂŒberprĂŒft. Aber konnten wir diese Phasen nicht beobachten, beim NLP, beim Coaching und anderen Strömungen, wie jetzt beim Facilitating? Ich frage ja nur.

Soweit der Artikel.
Oft erlebt: NLP, Coaching, GTD. What’s next? Agile, Barcamp…?

Interessant in diesem Zusammenhang scheint mir auch der Hype-Zyklus, auch Gartner-Kurve genannt.

3 Antworten

3 Gedanken zu „Der Lebenszyklus eines Hypes

  1. Falk Schmidt

    Sehr Interessante Theorie. Auch bei Agile sind wir mittlerweile ja schon auf dem Level der Institutionalisierung angelangt.

    Was man nach Deinem Punkt 7 ggf. noch ergĂ€nzen könnte: Mitspieler, die einst die Fahne des einen oder anderen Clusters hochgehalten haben, wenden sich ab und machen – disruptiv gegenĂŒber den nun etablierten VerbĂ€nden – clusterĂŒbergreifende Best Practices zur neuen Innovation, woraus sich dann der nĂ€chste Hype entwickeln könnte (gegen den die bisherigen VerbĂ€nde dann natĂŒrlich scharf schießen).

    Bzgl. Barcamps u.Ă€. Konzepten sehe ich persönlich dieses Szenario eher nicht. Da gibt es genĂŒgend Protagonisten, die die Methode geradezu religiös verehren und mit aller Macht sowohl gegen die Institutionalisierung als auch (und das finde ich das Spannende) gegen Weiterentwicklung selbst verteidigen.

    1. Stephan List

      Hallo Falk,
      Danke fĂŒr Deinen Kommentar.
      Eine Bemerkung zu Deinem letzten Satz. Es sollte halt wirklich eine _Weiter_entwicklung sein und kein RĂŒckschritt.
      Und da bin ich in der Barcampszene gerade nicht so hoffnungsfroh.

      1. Falk Schmidt

        Lieber Stephan,
        da bin ich vollkommen Deiner Meinung.

        Denn Innovation bedeutet ja nicht, BewĂ€hrtes zu verbiegen oder zwingend etwas komplett Anderes zu erfinden. Sondern Elemente aus BewĂ€hrtem zu etwas Neuem zu kombinieren. Insofern glaube ich durchaus, dass es etwas „nach dem Barcamp“ geben wird (was dann aber eben kein Barcamp im heutigen Sinne sein muss).

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