Die Lebenslügen der Vielbeschäftigten

Kennen Sie das? Sie haben eine Entscheidung getroffen, von der Sie intuitiv wissen, dass sie widersinnig ist. Danach reden Sie sich selbst so lange mit vermeintlich vernünftigen Argumenten besoffen, bis Sie diese Entscheidung für sachlich begründet und richtig halten. „Rationalisieren“ nennt dies der Fachmann. Dieses Verhalten funktioniert aber nicht nur bei Entscheidung, sondern hilft uns auch, unangenehme Dinge zu erklären und damit erträglich zu machen. Das Problem besteht jedoch darin, dass wir uns auf Dauer nicht selbst beschummeln können und das Unbehagen uns irgendwann wieder auf die Füße fällt.

Auch Vielbeschäftigte, die unter der Last der Vielzahl von Aufgaben stöhnen, benutzen das Mittel der Rationalisierung. Robert Locke hat in seinem Artikel 10 Lies People Tell Themselves To Rationalize Their Overwhelmed Schedules einige dieser „Lebenslügen“ aufgelistet:

  1. Ich muss weniger schlafen, damit ich mehr geschafft bekomme
    Das ist, mit Verlaub gesagt, Humbug. Wenn die Batterie leer ist, muss sie wieder geladen werden. Will heißen, Sie brauchen Ihren Schlaf, um leistungsfähig zu bleiben. Bedenken Sie dabei, dass es hier um Qualität und Quantität beim Schlafen geht. Und vergleichen Sie sich nicht mit Anderen. Bei jedem äußert sich das Schlafbedürfnis anders. Aber: Ohne ausreichend Schlaf geht es nicht.
  2. Mit längeren Arbeitszeiten kann ich mehr erreichen
    Die Effizienz nimmt mit zunehmender Arbeitsdauer ab. Der Grund: Wir werden einfach müde, sind nicht mehr in der Lage, uns zu konzentrieren, werden langsamer und sind anfällig für Fehler. Machen Sie es lieber wie Martin Luther, der in einem Brief an seine Frau schrieb: „Ich sitze hier und trinke mein gutes Wittenbergisch Bier und das Reich Gottes kommt von ganz alleine“.
  3. Ich bin zu beschäftigt, um Pausen einlegen zu können
    Hier gilt das bisher Gesagte. Körper und Geist brauchen Pausen, um sich zu regenerieren. Falls Sie es tröstet: Ihr Unbewußtes arbeitet weiter an dem Problem, Sie müssen also kein schlechtes Gewissen haben. Allerdings: Pause heißt auch wirklich Pause und nicht Checken von E-Mails.
  4. Niemals würde ich tagträumen oder Däumchen drehen
    Siehe Punkt 3.
  5. Mir fehlt die Zeit für einen Spaziergang oder für Sport
    Schon die alten Römer sagten: „Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper“. Es ist nachgewiesen, dass körperliche Betätigung auch gut für die mentale Leistungsfähigkeit ist.
  6. Ich arbeite um mehr Geld zu verdienen (oder die Karriereleiter zu erklimmen)
    Sie haben in Ihrem Leben nur ein bestimmtes Zeitkontingent zur Verfügung. Was Sie für die Arbeit verwenden, knapsen Sie in anderen Lebensbereichen (Familie, Freunde etc.) ab. Überlegen Sie, ob Sie das wirklich wollen.
  7. Wenn ich einen ausgefüllten Kalender habe, werde ich als wichtig wahrgenommen
    Firmen, in denen die Arbeit des Mitarbeiters nach der abgesessenen Zeit bewertet wird, sterben (hoffentlich) langsam aus. Viel wichtiger ist das Resultat der Arbeit.
  8. Mir bleibt nichts anderes übrig, als mehrere Aufgaben parallel zu bearbeiten (Multitasking)
    Über den Unsinn des Multitasking ist schon viel geschrieben worden. In Wirklichkeit handelt es sich hierbei meist um schnelles „Umfokussieren“. Das bedeutet Unterbrechungen und damit Verlust an Effizienz.
  9. Ich habe nie genug Zeit
    Tja, das ist die menschliche Tragik. Das wird sich auch nicht ändern. Es liegt an Ihnen, die richtigen Entscheidungen zu treffen.
  10. Ich kann nicht Nein sagen
    Im Zeitmanagement ist das ein Klassiker. Falls Ihnen ein  innerer Antreiber im Nacken sitzt, der Ihnen verbietet, eine Aufgabe abzulehnen, dann wird es Zeit sich näher mit ihm zu beschäftigen. Zeigen Sie ihm, wer der Herr im Haus ist.

Eine Lebenslüge, die hier fehlt, die ich aber aus eigener Erfahrung kenne, ist die Illusion der Begrenztheit eines Zustands: „Wenn diese Aufgabe (dieses Projekt etc,) beendet ist, dann wird alles besser“.

Wenn Sie sich da mal nicht täuschen.

StockSnap / Pixabay

1 Antwort

Ein Gedanke zu „Die Lebenslügen der Vielbeschäftigten

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