Eine Bemerkung zur sog. Fehlerkultur

Mein geschätzter Kollege Marcus Raitner hat vor einigen Tagen auf seinem Blog “Führung erfahren” einen interessanten Beitrag zum Thema “Umgang mit Fehlern” veröffentlicht: Scheitern erlauben – Fehler vermeiden. Dort ist von Fehlerkultur die Rede, Marcus schreibt:

Eine positive Fehlerkultur erlaubt also Scheitern,
vermeidet aber Fehler.

Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten, so war in einem Tweet von Daniel Dubbel zu lesen:

Beides, sowohl Artikel als auch Tweet haben mich dazu angeregt, etwas über diese Thematik zu grübeln und auch meinen Senf dazuzugeben.

  1. Fehler sind nicht Fehler
    Fehler sind nicht gleich Fehler, sie unterscheiden sich m.E. in ihrer Qualität. Ich nenne das gerne Fehler 1. und Fehler 2. Ordnung. Ein Fehler 1. Ordnung “passiert” nicht, sondern wird verursacht. Zum Beispiel durch Unachtsamkeit, Schlamperei usw.
    Fehler 2. Ordnung sind Fehler, die auftreten, weil man etwas Neues probiert, in Ermangelung von Kenntnissen und/oder Erfahrungen.
    Bei Fehlern 1. Ordnung lautet der Grundsatz, man darf einen Fehler nicht zweimal machen. Das gilt auch für Fehler 2. Ordnung, nur wird hier ergänzt, “sondern dafür andere”.
  2. Fehler führen nicht grundsätzlich zum Scheitern
    Fehler machen führt nicht zwangsläufig zum Scheitern. Oder wie Edison sagt: “Ich habe nicht versagt. Ich habe nur 10000 Wege gefunden, die nicht funktionieren.” Andererseits ist Fehlerfreiheit nicht zwangsläufig mit Erfolg verbunden. Vielleicht macht es Sinn, sich an dieser Stelle Druckers Unterscheidung zwischen Effektivität und Effizienz ins Gedächtnis zu rufen. Oder etwas ketzerisch:

Nicht derjenige, der keine Fehler macht, wird Erfolg haben,
sondern
derjenige, der erfolgreich ist, hat keine Fehler gemacht.

Ich vermute aber, wir haben weniger ein Problem mit Fehlern, sondern vielmehr ein Problem mit der Angst. Der Angst nämlich, für einen Fehler empfindlich bestraft zu werden. Immer noch haben viele Menschen in den Unternehmen Angst, “den Kopf abgerissen zu bekommen” (es gibt noch ganz andere Ausdrücke), wenn ihnen ein Fehler unterlaufen ist. Nicht ganz zu Unrecht, denn Sanktionen sind auch im Arbeitsrecht ausdrücklich vorgesehen (die Abmahnung z. B.). Dies gilt aber vor allem für Fehler 1. Ordnung. Leider werden die Sanktionen aber oft auf Fehler 2. Ordnung ausgedehnt. Man nennt das dann gern “Überschreiten der Kompetenzen”.

Das eigentliche Problem ist also die Angst. Angst ist ein großer Kostenfaktor, was von vielen nicht bedacht wird. Schon vor knapp 20 Jahren haben Winfried Panse und Wolfgang Stegmann ein Buch darüber geschrieben: Kostenfaktor Angst.

Allerdings ist die Angst davor, Fehler zu machen,  nur ein  Aspekt. Die Sache ist komplexer. Angst als Phänomen (in Summe) entsteht auch durch

  • Angst vor Überforderung
  • Angst vor Innovation und Veränderung (!)
  • Angst vor Autoritätsverlust
  • Angst vor Arbeitsplatzverlust

Es gibt noch einige mehr. Ich denke, an den Grundursachen für die Angst der Menschen bei der Arbeit hat sich seit Erscheinen des Buches nicht viel geändert. Angst gab es auch schon vor den Zeiten der Digitalisierung.  Allerdings sind die “Kosten”, die durch die Angst entstehen, in diesen Zeit besonders fatal. Angst führt zur Lähmung und mit “gelähmten” Mitarbeitern werden die Unternehmen die Herausforderungen der Zukunft nicht stemmen können.

Allerdings: Angst entsteht eben nicht nur durch Angst vor Fehlern. Eine neue “Fehlerkultur” ist nur ein Baustein zum Ganzen, nicht weniger, aber eben auch nicht mehr.

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[Foto von PublicDomainPictures [via pixabay], (CC0 Public Domain)]

 

Noch ein Buch zum Thema von Panse Stegmann (Werbung)

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