Wachstum statt Ziele




Wie wir alle wissen, ist das “Ziel” angeblich eine conditio sine qua non für erfolgreiche Unternehmensführung, für manche sogar für die persönliche Lebensführung. Folgerichtig zeigen uns unzählige Blogbeiträge zum Jahreswechsel

  • wie wichtig Ziele sind
  • wie man die richtigen Ziele findet
  • wie man sie zweckmäßig formuliert und in Vorsätze überführt
  • wie man diesen Vorsätzen treu bleibt.

Und so ist die Frage nach den Zielen auch Kernthema des klassischen Zeitmanagements. Ziele sind absolut notwendig, denn wie soll man wichtig von unwichtig unterscheiden, wenn man keine Ziele hat.

Ich weiß nicht recht.

Wenn ich die Teilnehmer in meinen Workshops frage, ob sie Ziele haben, dann blicke ich oft in verlegene Gesichter. Klar, viele haben Ziele. Aber was sollen die anderen antworten? Darf man überhaupt zugeben, dass man keine bestimmten Ziele hat? Schwierig heutzutage, schließlich kennen wir ja die herrschende Meinung (s. o.).

Vielleicht ein Trost für die Ziellosen unter Ihnen: Auch ich tue mich mit der Formulierung persönlicher Ziele schwer. Ich orientiere mich eher an dem Modell des Wachstums, wie es vor Jahren Wolfgang Mewes für die Engpassanalyseformuliert hat:

Das Wachstum von Pflanzen wird durch den Minimumfaktor (die im Verhältnis knappste Ressource) eingeschränkt. Wird dieser Minimumfaktor (beispielsweise Nährstoffe) beseitigt, entwickelt sich die Pflanze ohne Einschränkung weiter. Mewes erkannte, dass dieses Prinzip für alle vernetzten Systeme gilt, also auch für Wirtschaftsunternehmen. Sowohl das Wachstum von Pflanzen als auch von Betrieben kann durch die Beseitigung des jeweiligen Minimumfaktors gefördert werden. Mewes beschreibt den Minimumfaktor für wirtschaftliche Einheiten meist als Engpass, der für eine bessere Entwicklung analysiert und überwunden werden muss.

(Quelle: Wikipedia)

Hier liegt des Pudels Kern. Es geht um das Wachsen oder, wenn Sie das lieber mögen, um die persönliche Entwicklung. Meines Erachtens lautet die entscheidende Frage:
Welcher Engpass hindert Sie an der persönlichen Entwicklung, was können Sie tun (oder auch lassen), um weiter zu wachsen?

Und noch etwas: Pflanzen und Tiere wachsen. Ganz ohne Ziel. Sie sind einfach.

 

Lesenswerte Gedanken hierzu finden Sie auch bei Marcus Raitner: Lebensführung statt Selbstmanagement.

7 Antworten

7 Gedanken zu „Wachstum statt Ziele

  1. Thorsten Munk

    Zuerst noch ein gutes neues Jahr und Danke für den nachdenkenswerten Artikel.

    Ergänzend eine interessante Diskussion zwischen Leo Babauta (zenhabits) und Tim Ferriss über Ziele (englisch). Leo verzichtet auf Ziele und tut was sich richtig anfühlt, Tim verwendet Ziele als Hilfsmittel zur Fokussierung.
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  2. Tia

    Ja, an die Diskussion von Leo Babauta und Tim Ferris musste ich auch denken. Aber ich denke, dass diese Diskussion einfach sinnlos und unnütz ist. Wie Ferris schon gut bemerkt: es hängt davon ab, wie strukturiert man bereits ist. Er sagt ja, dass er nach der Überstrukturierung an seinem Arbeitsplatz erstmal ausbrechen musste und herumreisen und „in den Tag hineinleben“ musste. Und dann hat er wieder zu Struktur gefunden, weil ihm in der Strukturlosigkeit etwas gefehlt hat.

    Letztendlich waren sich die beiden ja einig. Und zu Leo Babauta: Er ist ein zu 100% organisierter Mensch, der seine Besitztümer massiv eingeschränkt hat und durch GTD auch sein Leben bereits massiv durchorganisiert hat und sich aufgrund intensiver und jahrelanger Beschäftigung und Experimente mit Zeitmanagement für sich bereits gewisse Gewohnheiten/Automatismen aufgebaut hat, die ein zielbewusstes Leben möglich machen. Er braucht seine Ziele nicht mehr aufzuschreiben, weil er sie lebt und sich jeden Tag mit seinen MITs des Tages auseinandersetzt. So ziellos finde ich das gar nicht. Für Leute, die sich leicht ablenken lassen und sich treiben lassen und nicht wissen was sie wollen, ist es gar nicht schlecht, sich auch erstmal eine Zeit lang sehr intensiv mit Selbstmanagement, Zielen und Minimalismus auseinander zu setzen. 😉

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    1. Bernhard Schloß

      Bin ganz bei Matthias. (Steht so auch in meinen persönlichen Zielen.)
      Wesentlich ist aber auch beim Umgang mit Zielen, dass man den gesunden Menschenverstand nicht vergisst. Ziele nicht sklavisch verfolgt und sich und seine Ziel regelmäßig hinterfragt und ggf. auch anpasst.

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  3. Frauke

    Oh ja – das Kreuz mit den Zielen … „Und was ist Dein Ziel?“ Meine spontane Reaktion darauf ist immer die Gleiche – „anständig leben“ (anständig in jeder Hinsicht, und für mich gehört dazu die eigene Weiterentwicklung). Natürlich „darf“ frau das nicht unbedingt so sagen – weil damit erweise ich mich ja als un-ehrgeizig oder so. Aber: ich bin in meinem Leben bis jetzt gut damit gefahren, auf persönliche Weiterentwicklung und „anständiges Leben“ zu setzen – hätte ich klassische „Ziele“ verfolgt, wäre ich vermutlich nicht da, wo ich jetzt bin. Unter anderem, weil ich Irrwege zu spät erkannt hätte … Somit: es darf jeder gerne Ziele haben, wenn das für sie oder ihn „richtig“ ist. Nur ich möchte einfach „wachsen“ dürfen (tja, das ist auch ein Ziel, merke ich gerade … wer liefert mir jetzt die in corporate world akzeptierte Formulierung dafür ?)

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